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Wenn der Fernseher kocht, wollen alle mitmachen

Sie sind fester Bestandteil der deutschen Fernseherkultur, sie flimmern ganztägig über die Bildschirme, sie haben ein Millionenpublikum und viele Nacheiferer:

Die Kochshows. Sie sind aber keineswegs aktuelle TV-Phänomene, sie besitzen Tradition.

1953, das Fernsehprogramm war erst 8 Wochen alt, kochte bereits der erste Fernsehkoch Clemens Wilmenrod für ein breites Publikum. In seiner beliebten Show „Bitte in zehn Minuten zu Tisch“ bereitete Wilmenrod in 15 Minuten Sendezeit ein Gericht zu. Immer freitags stellte Wilmenrod im Nordwestdeutschen Rundfunk (NWDR) Rezepte vor und lud die Fernsehzuschauer zum Mitkochen ein. Dieser Bitte wurde Folge geleistet und die vorgestellten Speisen in der heimischen Küche ausprobiert. Durch die Monopolstellung, die jene Kochshow damals innehatte, prägte „Bitte in zehn Minuten zu Tisch“ die deutsche Esskultur. Unter anderem stammt vom Wilmenrod der Hawaii-Toast!

Am Ende der 1950er Jahre kamen jedoch stetig weitere Kochsendungen hinzu und sorgten damit für eine kulinarische Vielfalt auf den heimischen Bildschirmen. Die Ratgeber- und Servicefunktion dieser Kochshows (das Kochen stand im Fokus) veränderten sich bis in die 1990er Jahre nicht wesentlich.

Kochtainment

Mit „Alfredissimo“ kam 1994 aber die Veränderung. Der Fernsehkoch Alfred Biolek stand in dieser Show gemeinsam mit prominenten Gästen vor dem Herd. Nun wurde nicht mehr nur gekocht, sondern nebenbei auch geredet. Dem Publikum gefiel es. Ein „Koch-Boom“ brach im TV aus. Doch mit der zahlreichen Konkurrenz erlahmte das Koch-Talk-Prinzip schnell wieder. Die Zuschauer lechzten nach mehr Pep. Die Idee vom Wettstreit entstand. Seitdem kochen Profis, Prominente und / oder Laien unter Zeitdruck in Teams oder alleine gegeneinander und lassen sich von einer Jury bewerten. Mittlerweile soll eine Kochshow nicht mehr primär zum Mitkochen animieren, sondern vielmehr unterhalten.

TV-Koch vs. Laie

TV-Köche sind nun Entertainer, Promis, Personen des öffentlichen Lebens, die smart auftreten und kecke Sprüche reißen. Tim Mälzer, Johann Lafer, Horst Lichter, Jamie Oliver, Sarah Wiener…  Sie alle verbinden ein modernes und lockeres Kochen mit charmanten, zwanglosen Gesprächen.

Zudem rücken zunehmend Laien in den Fokus der Kochshows. In „Das perfekte Dinner“ (VOX) oder „Die Topfgeldjäger“ (ZDF) messen sich Menschen des Alltags im Wettstreit an komplizierten und aufwendigen Gerichten. Regelmäßig werden sie dabei von Profiköchen, Jury-Mitgliedern oder Mitkonkurrenten für ihre Leistungen bewertet.

Aber egal, wer im Fernsehen kocht: Meist sieht es am Ende lecker aus, es schmeckt  und man speist in illustrer Gesellschaft.

Der Einfluss der Kochshows auf den Ausbildungsmarkt

Jahrelang flimmern Kochshows nun schon mit großer Beliebtheit über viele TV-Sender. Allem Anschein nach unterhalten Kochshows dabei die Zuschauer nicht nur, sondern besitzen auch einen gewissen Einfluss auf den Kochberuf. Als in den 90er Jahren der Koch-Boom im Fernsehen ausbrach, stiegen binnen 4 Jahren (1995-1999) die Ausbildungszahlen zum Koch von 10.000 auf über 16.000 Lehrlinge an. In den Folgejahren pendelte sich dieser Wert wieder bei etwa 10.000 ein.

Als der Koch-Boom im Fernsehen in den letzten Jahren allerdings wieder abebbte, fiel auch parallel die Nachfrage zum Beruf Koch. Seit 2008 gab es gar mehr Ausbildungsstellen als Bewerber. 2016 blieben mehr als 2.000 Stellen unbesetzt.

Mit der vermehrten TV-Präsenz von kochenden Laien, die leckere, exotische Gerichte hervorzaubern wollen, lässt sich aktuell allerding ein anderes Phänomen vermuten. Viele Fernsehzuschauer entwickeln bei der Betrachtung der Hobbyköche wohl den Trugschluss, dass der Beruf Koch für jedermann geeignet und einfach auszuüben sei. Als könne man ohne viel Übung in diesen Berufsstand eintreten. Dieser Eindruck spiegelt sich in der Abbruchsquote wieder. Fast jeder 2. hat die Ausbildung zum Koch vorzeitig abgebrochen. Möglicherweise suggeriert die Fernsehwahrnehmung falsche Vorstellungen zum Berufsbild.

Kochen können heißt nicht Koch sein

Viele unterschätzen: Kochen können reicht nicht aus. Köche müssen stressresistent, teamfähig und gut organisiert sein. Sie müssen sorgfältig  planen, Nahrungsmittel einkaufen und Arbeitsabläufe timen können. Ebenfalls sollte berücksichtigt werden, dass Köche regelmäßig an den Wochenenden, Feiertagen und abends arbeiten. Zu Zeiten also, wenn andere im Feierabend sind.

Kochshows können als Anregung, Ansporn, Inspiration und Anleitung zum Selberkochen dienen. Kochen können ist nicht verkehrt, Neues auszuprobieren ebenso wenig. Beinahe jeder freut sich, wenn es Selbstgekochtes gibt. Doch hat man den Entschluss gefasst, eine Ausbildung zum Koch zu beginnen, sollte man sich nicht auf das Bild verlassen, welches einem das Fernsehen vermittelt. Damit es keine negativen Überraschungen gibt, solltest du dich gründlich über die Inhalte und Arbeitsbedingungen informieren.

Und wer weiß… vielleicht wartet sogar eine Karriere als Fernsehkoch auf dich?

Bon Appetit

Bildnachweis: Mädchen mit Muffins in der Hand © contrastwerkstatt / Fotolia